Wie Neslihan Arol die vergessene Kunst des Meddah neu erfindet
Neslihan Arol erweckt eine alte türkische Erzähltradition zu neuem Leben. Mit ihren Soloauftritten verbindet sie Comedy, Politik und mehrsprachigen Witz. Verwurzelt in den osmanischen Kaffeehäusern, interpretiert sie die uralte Kunst des Meddah für ein modernes Publikum neu.
Arols Shows sind lebendig, scharfzüngig und zutiefst persönlich. In einer einzigen Vorstellung wechselt sie zwischen Deutsch, Türkisch und Englisch und verkörpert Dutzende Figuren. Hinter dem Humor verbirgt sich eine feministische Kante – eine, die sowohl theaterübliche Normen als auch Machtstrukturen herausfordert.
Die Meddah-Tradition geht auf das 16. Jahrhundert in der osmanischen Gesellschaft zurück. Alleinunterhalter, die Meddahs, trugen in öffentlichen Räumen epische Geschichten, religiöse Erzählungen und beißende Satiren vor. Ihre Auftritte unterhielten, bildeten und kritisierten auf subtile Weise die Mächtigen. Bis ins 19. Jahrhundert waren diese Vorführungen fester Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens und bewahrten Volksweisheiten sowie mündlich überlieferte Geschichte.
Arols Weg zur Bühne war alles andere als klassisch. Ursprünglich studierte sie Chemieingenieurwesen, bevor sie sich der Schauspielerei zuwandte. 2014 begann sie in Berlin, ihre Mischung aus Comedy, Clownerie und Meddah zu präsentieren. Das traditionelle Theater frustrierte sie – sie fand zu wenige Rollen, in denen Frauen einfach nur komisch sein durften.
Ihre Auftritte tragen heute eine feministische Handschrift. Für sie ist die Clownerie ein Werkzeug, um Konventionen zu brechen und Machtungleichgewichte aufzudecken. Diese Perspektive prägte sogar ihre erste große wissenschaftliche Arbeit, in der sie Clowns aus feministischer Sicht untersuchte. Auf der Bühne nutzt sie ein Teelicht als Symbol für die Menschlichkeit des Meddah. Es steht für ein helles Herz, die Bereitschaft, für andere zu brennen, und die Begegnung mit dem Publikum in Wärme. Die Kerze ersetzte eine alte Gaslampe, nachdem ein gefährlicher Vorfall sie zum Umstieg auf eine sicherere Alternative bewog.
Arols Shows sind ein Wirbelsturm aus Stimmen und Sprachen. Mühelos springt sie zwischen Figuren hin und her, verwebt Humor mit politischer Kommentierung. Das Ergebnis ist ein Meddah-Stil, der ganz ihr eigener ist – historisch verwurzelt, aber mutig zeitgemäß.
Ihre Arbeit verbindet jahrhundertealte Tradition mit heutigem feministischem und komödiantischem Empfinden. Ihre Auftritte halten den Geist des Meddah am Leben, während sie Grenzen sprengt. Das Publikum geht mit Lachen, Nachdenklichkeit und einem frischen Blick auf eine uralte Kunstform nach Hause.
Das Teelicht bleibt ihr Markenzeichen – klein, aber hell, ganz wie ihr Ansatz beim Geschichtenerzählen.






