Kratzers radikale Paradies-Neuinszenierung polarisiert Hamburgs Staatsoper
Paulina JüttnerKratzers radikale Paradies-Neuinszenierung polarisiert Hamburgs Staatsoper
Hamburgs Staatsoper präsentiert eine mutige Neuinszenierung von Schumanns Das Paradies und die Peri
Unter der Regie von Tobias Kratzer hat die Hamburgische Staatsoper das Oratorium aus dem 19. Jahrhundert als schroffe zeitgenössische Dramatik neu interpretiert. Die Premiere löste sowohl begeisterten Applaus als auch vereinzelte Buhrufe aus, doch am Ende überzeugte die kühne Herangehensweise das Publikum.
Das auf einer orientalischen Erzählung aus Thomas Moores Lalla Rookh basierende Werk wird in Kratzers Vision zu einer Auseinandersetzung mit modernen Krisen. Mit Omer Meir Wellber am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg verband die Aufführung kraftvolle Musik mit provokanter Bühnengestaltung – manchmal fast erdrückend für die Solisten.
Kratzer und der Bühnenbildner Rainer Sellmaier verlegten die Handlung in einen aktuellen Konflikt, in dem ein weißer Anführer Krieg unter einfachen Menschen schürt. Der sterbende Jüngling im Zentrum der Erzählung ist ein schwarzer Mann, der durch kollektive Gewalt getötet wird – eine Entscheidung, die das Stück mit Themen wie Rassismus und kollektiver Schuld verknüpft. Auch die Klimakrise wird im dritten Akt explizit thematisiert und verankert Schumanns Romantik in drängenden realen Herausforderungen.
Die vierte Wand brach während der Aufführung vollständig weg. Kameras fuhren über das Publikum, zogen es ins Geschehen hinein, während die Solistin Vera-Lotte Boecker in der Rolle der Peri sogar in die Zuschauerreihen stieg. An einer Stelle setzte sie sich neben eine weinende Zuschauerin – symbolisch "öffnete sie die Pforten des Paradieses" in einem Moment ungeschönter Verbundenheit. Auch der Chor agierte aktiv, bewegte sich durch den Raum und durchbrach so die traditionellen Opernkonventionen.
Wellber und das Orchester lieferten eine feurige Interpretation, deren Wucht die Sänger gelegentlich übertönte. Dennoch entsprach die Energie der Musik der Radikalität der Inszenierung. Die Reaktion des Publikums spiegelte die polarisierende Wirkung wider – aus vereinzelten Pfui-Rufen wurde schließlich stehender Applaus für Kratzer, dessen jüngste Auszeichnung als "Regisseur des Jahres" seinen wachsenden Einfluss unterstreicht.
Diese Premiere eröffnet eine Reihe innovativer Musiktheaterabende an der Hamburgischen Staatsoper. Geplant sind unter anderem Monster's Paradise sowie eine neu interpretierte Fassung von Frauenliebe und -leben, Teil von Kratzers Bestrebungen, das Haus für ein breiteres Hamburger Publikum zugänglicher zu machen.
Die Produktion hinterlässt einen bleibenden Eindruck, indem sie Schumanns Partitur mit drängenden zeitgenössischen Themen verbindet. Kratzers Inszenierung – mit ihrer direkten Einbindung des Publikums und unerbittlichen politischen Aussagen – hat gezeigt, wie dieses Oratorium heute wirken kann. Während die Hamburgische Staatsoper in die neue Spielzeit startet, setzt diese Premiere Maßstäbe für weitere grenzüberschreitende Projekte.






